Die innere Philosophie der Sprachen

Zur Einleitung

 

 

 Dies ist ein Buch, das - weit entfernt von der empirischen Zufälligkeit - den Bewußtseinsprozeß des Sprachschöpfers, der aller Erfahrung vorausgeht, zu beschreiben versucht.

 

Wir wissen, daß die Seher der vedischen Tradition Indiens ihre Visionen spontan in Laute umsetzten, von einer Bewußtseinsebene aus, die nur wenigen zugänglich ist.

 

Wenn überhaupt vergleichbar, so könnten wir uns am nächsten dazu wohl an den Reflexionen der deutschen Philosophen Fichte, Schelling und Hegel orientieren. In diesem Buch ziehen wir verschiedene Texte Hegels zu Rate.

 

Die spontane Schöpfung der Sprache von den vedischen Sehern her, ihre Anwendung und Tradition, kann man sich vielleicht so vorstellen:

 

 In dem Kontinuum mentalen Geschehens werden einzelne Abschnitte herausgegliedert und mit Merkzeichen belegt - Lauten oder Lautkombinationen.

Diese Merkzeichen, Repräsentanten eines inneren mentalen Geschehens, müssen sich fortan nach außen hin in der Sinneserfahrung bewähren, indem sie ihr Sinn und Halt geben.

So kann es nun sein, daß ein- und derselbe Lautkörper sehr verschiedene sinnlich geprägte Bedeutungen annimmt, weil ja die Lebensumwelt der einzelnen Menschen und Völker beträchtlich variiert. Die innere Logik aller noch so verschiedener Erfahrung liegt also in den Lautkörpern der Sprachen begründet, und umgekehrt, alle sinnliche Erfahrung hilft, die Bedeutung eines Lautkörpers zu finden, die erhabene Vision des Sprachschöpfers wie ein Mosaik nach und nach zusammenzustellen.

 

Jedoch, die Sinneserfahrung, die Sinnesdaten als solche, nehmen gewöhnlich einen Eigenwert an, der den Wortsinn, wie er innen geschaut worden war, mehr und mehr vergessen läßt.

Durch Vergleich aber der so entstandenen Vorstellungen, auf der Suche nach dem Wesentlichen, läutert sich das Vorstellungsvermögen ( Abstraktion ), bis es dem ursprünglichen Sinn und der Fähigkeit des Sprachschöpfers, alles mit allem verbinden zu können, wieder nahekommt.

 

(Im Verlauf des Buches wird klar, daß man sich auf die Bedeutung der einzelnen Laute besinnen muß, die als Buchstaben des Alphabets notiert werden und ungefähr das wiedergeben, was in der Sprachwissenschaft "Phoneme" genannt wird.

Als erstes wird aus der Bedeutungsfülle verschiedener Sprachen der Sinn des Lautes A abgeleitet) :

 

Der allgemeinste Sinn von A ist also sein, existieren, " existieren " im Sinne des lateinischen Wortes " ex-sistere " = " heraustreten, sich herausstellen ". " Heraustreten " woraus ? Was war das Innen-Sein ?

 

Nun, unser Bewußtsein hat zwei wesentliche Richtungen, mehr oder weniger zur Auswahl: Die Richtung nach außen, in die Welt der Dinge, und die Richtung nach innen. Erstere kennt jeder, es ist das allgemeine Interesse an der Welt, unsere tägliche Erfahrung.

 

Die Richtung oder Wendung nach innen jedoch, also Rückzug von der Welterfahrung, von den Eindrücken der Sinne, gelingt uns - wohl auch mehr oder weniger erfolgreich - in der Ruhe des Schlafes, zu unserer Regeneration, zum Abklingenlassen der täglichen Eindrücke, zum Auftanken neuer Kräfte für den folgenden Tag.

 

Nun ist aber die Ruhe - selbst des angenehmsten Tiefschlafes - immernoch eine sehr oberflächliche Ruhe, verglichen mit der Ruhe, die man erfährt, wenn man den Geist auf seinem Weg nach innen wach hält, sodaß er noch tiefere und erholsamere Ebenen der Stille erfahren kann. Dieser Vorgang wird auch genannt " Der Weg zur Mitte, Meditation ".

 

Man erfährt dabei ein Abgleiten in immer subtilere, feinere Zustände von Gedanken, bis man bei dieser zunehmend angenehmeren Erfahrung auch die feinst möglichen, kaum noch wahrnehmbaren Gedanken hinter sich läßt und nun ganz bei sich, ohne einen Gedanken, ohne Außenbezug, im reinen Sein ruht.

 

Hier ist der Geist frei, ungebunden, ganz im Innern, in seiner Heimat, wo er sich wohl fühlt.

 

Weil dies ein Zustand ohne Gedanken ist, ohne ein Etwas, nennt man ihn treffenderweise das reine Sein oder das Nichts. Es ist der Grundzustand des Lebens. Von hier beginnt alles, und hierhin kommt es wieder zurück.

Daß dieser Wechsel von Energie-Auftanken im reinen Sein oder Nichts, und dem darauffolgenden Schöpferisch-Sein oder Tätigsein draußen in der Welt nicht mehr harmonisch funktioniert, ist die schmerzliche Erfahrung unserer Zeit.

 

Das Abstandnehmen vom Grundzustand des Nichts ist also ein Nachaußengehen, der Beginn unserer ( täglichen ) Lebensreise, ein Sicheinlassen auf etwas, einer Absicht folgen, gleich wie ein Unternehmen, eine Firma intelligent geführt werden will und sich bewähren muß. Wir nehmen eine Rolle an, sind irgendwer, an einem Ort, in einer Stellung. Vieles wird uns begegnen.

 

Wir nennen das In-der-Welt-sein auch "Tag" oder "Licht". Hier ist Zeit und Reihenfolge, Verstand, Einsicht, Begriffsvermögen, Annehmen einer Arbeit, Einschlagen eines Weges, hier sind Einflüsse, Räume, Anpassungen. Es kann ein Drängen, Stoßen, Sich-den-Weg-Bahnen geben. Immer aber sollte nie vergessen sein die Bewegung zurück aus der Hektik des Alltags zum stabilen Ursprung des reinen Seins oder Nichts, und von dort wieder gestärkt in die Wechselfälle des Lebens hinaus.

 

A birgt in sich Vergangenheit, Zukunft und immer lebendige Gegenwart. Es ist die fortschreitende Erfahrung, die Suche nach ausreichender Vielfalt und ebenso nach deren Rückführung auf die Einheit eines möglichen Verständnisses, wie eines Wiedererinnerns.

 

A enthält die Richtung des Erlebens, seine Zielsetzung, seine Grenze, die einschränkende Wahl in aller Erfahrung, die Harmonie im Austausch der Lebenswerte.

 

Es ist der Dreh- und Angelpunkt von Vergangenheit und Zukunft, von Endlichem und Unendlichem, von Gebundenheit und Freiheit, von vorübergehend Flüchtigem und gleichbleibend Beständigem, von Zeit und Ewigkeit, von Etwas und Nichts.

 

Es ist wie ein Samenkorn; Geburt, Anfang, Herkunft und Quelle von allem.

 

Alles Hoffen, Zweifeln und Trauern auf dieser Straße des Lebens kommt von ihm - wie ein Reinigungsprozeß, ein Bezahlen für Geschuldetes, aber auch ein Belohntwerden für

Verdienstvolles.

 

Vieles mehr könnte man dazu sagen, aber wir beschränken uns auf das, was aus den oben dargestellten Sprachen abgeleitet werden kann.

 

 

 

(Aus dem Wunsch, das erste Wort des altindischen Rigveda,  AGNI, das gewöhnlich in der Bedeutung "Feuer" wiedergegeben wird, Laut für Laut in seinem wahren Sinn zu erschließen, ergibt sich, nach dem Laut  A  nun den zweiten Laut  G  zu untersuchen.  Seine Bedeutung wird aus verschiedenen Sprachen abgeleitet und führt schließlich zu einer philosophisch orientierten Zusammenfassung, allgemein über den Sinn der Kehllaute (Gutturale:  k, g, ch ...)).